75 Jahre Ivica Osim: „Wir Osim-Kinder tragen seine Ideen in uns“

Ivica Osim wird 75. Ein Mann von Welt, der Sturm Graz auf die Landkarte Europas dirigierte. Ein Atheist, den seine Weggefährten wie einen Gott verehren. Ein Magier, für den Fußball mehr Spiel als Sport ist. Ein Seher, der seiner Zeit um Jahrzehnte enteilt ist. Seine Champions-League-Helden sagen hier, warum Osimimmer für eines stehen wird: die Zukunft.

//Text: Tom Hofer, Gerald Enzinger
//Titelbild: (C) Imago

Dreimal in Serie in die Champions League mit Sturm Graz. Beim dritten Mal als Gruppensieger in die Zwischenrunde. Schlagzeilen wie „Ein Sturm fegt über Europa!“. Ivica Osim wird am 6. Mai 75 Jahre alt. In den dreizehn Jahren seit seinem höchst unrühmlichen Abschied bei Sturm ist viel passiert: Osim ist in Japan zum Volkshelden und Teamchef geworden, er hat einen Schlaganfall überlebt und zwölf Tage im Koma. Was geblieben ist und sich noch verstärkt hat, ist die Bewunderung für sein Werk und sein Wirken, quer über alle Fansektoren. Wenn er bei einem Spiel in Graz auftaucht, stehen die Zuschauer auf und klatschen. Längst ist eine Diskussion entbrannt, ob die Conrad-von-Hötzendorf-Straße, die vom Zentrum zum Stadion führt und nach einem Kriegshetzer benannt ist, nicht in Ivica-Osim-Straße umbenannt wird. So groß und visionär die Art seines Spieles war, so voller Format ist der Mensch dahinter. Auf ihn können sie sich alle als Held verständigen: die Serben und Kroaten, die moslemischen Bosnier und Slowenen, die Mazedonier und Montenegriner. Für Fußball-Österreich war er wie ein Außerirdischer, eine glückliche Laune der Natur, ein Zufall, der aus einer Tragödie entstand: Osim wollte in der Nähe seiner in Sarajevo im Krieg eingeschlossenen Familie bleiben, deshalb landete der Trainer, der auch bei Real Madrid, Bayern München oder Borussia Dortmund coachen hätte können, bei Sturm Graz. Dort erfand er das Spiel neu und mit ihm blühten Spieler auf, die das Glück hatten, in seinem Team zu spielen. Vier davon erzählen im Sportmagazin, wie Ivica Osim ihr Leben bis heute prägt.

Ein Kartenspiel mit Rupert Marko

Die erste Begegnung mit seinem neuen Chef wird Rupert Marko, Osims ehemaliger Co-Trainer bei Sturm, nie vergessen: „Das war beim Trainingslager in Stainach, ich musste gleich am Kartentisch Platz nehmen. Ich glaub, er wollte schauen, was ich so draufhabe.“ Für Marko, der einst in Tirol unter Ernst Happel spielte (und später im Rahmen der Trainerausbildung bei Sir Alex Ferguson in Manchester hospitierte), wird die Zeit unter Osim zur Lebensschule: „Im ersten Jahr musste ich im Training immer mitspielen. Danach war ich so fit, dass Heinz Schilcher, unser damaliger Manager, meinte: ‚Normal müsste ich dir einen Vertrag als Spieler geben.'“ Warum es unter Osim nie einen schriftlichen Trainingsplan gibt, ist Marko, derzeit U19-und U15-Teamchef beim ÖFB, schnell klar: „Als Trainer musst du auf den Zustand der Spieler eingehen können, den kannst du aber nicht eine Woche im Voraus wissen.“ Wenn ihm das Spiel seiner Mannschaft nicht gefiel, wurde Osim laut in der Kabine. „Er hat immer gesagt: ‚Vergesst nicht, dass ihr für die Zuschauer spielt und nicht für euch selbst!'“ Improvisation war dem Offensiv-Fan besonders wichtig. Marko: „Weil nur dadurch Neues entsteht. Die Kunst besteht darin, das im Training vermitteln zu können.“ Auf gewisse Rituale hat Osim großen Wert gelegt. Nachdem mit Marko und Schilcher die Aufstellung besprochen war, wurde stets mit einem Whiskey darauf angestoßen. Marko: „Meistens im Bus, als die Spieler auf dem Weg in die Kabine waren.“

Feldhofer und Osims Grinser

(C) GEPA Pictures

Ferdl Feldhofer war 19, als der Sturm-Express in die Champions League aufbrach – und damit der Jüngste im Wunderteam. Sein Startelf-Debüt? Am 14.9.99 in Marseille, ohne jede Ankündigung von Osim: „Ich hab auf den Spielbericht geschaut und war enttäuscht, weil ich nicht als Ersatz nominiert war. Erst dann hat mich Reinmayr darauf aufmerksam gemacht, dass mein Name weiter oben steht – in der Startformation.“ Als er Osim in der Kabine sieht, grinst der ihn verschmitzt an: „Kannst noch einmal aufs Klo gehen.“ Heute fallen Feldhofer, der gerade beim Regionalligaklub Lafnitz höchst erfolgreich als Trainer durchstartet, beim Namen Osim immer dieselben Begriffe ein: „Denkmal. Respektsperson. Ein Wahnsinnslehrer.“

,,jetzt, wo wir Osim-Kinder­ selber Trainer sind, merkt man schon an gewissen Sachen, dass wir seine Ideen in uns tragen.“”

Ferdl Feldhofer

Seine Erkenntnis: „Wenn man mit 19,20 und 21 in der Champions League spielt, denkt man ja, das geht immer so weiter. Ein Irrtum, aber dass es unglaubliches Glück war, so einen Trainer zu haben, das war mir sehr wohl bewusst. Man konnte sehen, dass ich mich viel schneller entwickelte, als es meine gleichaltrigen Kollegen unter anderen Trainern taten.“ Oft trafen sich dann sieben, acht Sturm-Spieler auch im Nationalteam. „Da haben wir dann unsere Trainingsübungen mit dem Ball gemacht und ganz schnell – ich weiß noch, wie der Andi Herzog ganz fasziniert war: Was trainierts ihr da in Graz?“ Osim war einer, der immer neue Ideen hatte. Feldhofer: „Und jetzt, wo wir Osim-Kinder selber Trainer sind, merkt man schon an gewissen Sachen, dass wir seine Ideen in uns tragen.“

Prilasnigs Gespür

Gilbert Prilasnig war einer der Spieler, die unter Osim den Zenit ihres Könnens erreichten. Bis heute haben sie Kontakt, sie sehen sich bisweilen und Prilasnig war schon öfters mit Sturm-Nachwuchsteams zu Gast in Sarajevo: „Er ist Sturms Jahrhunderttrainer, und das nicht ohne Grund. Seine hohe Fachkompetenz war beeindruckend, er wusste immer über alle Trends im Fußball Bescheid. Ein Visionär, der uns schon vor 15 Jahren einen Fußball spielen ließ, wie er erst später modern wurde, und der absolut richtungsweisend war. Auch in der Art, wie er das Training anlegte.“ Heute mag Osim, neun Jahre nach seinem Schlaganfall, zwar körperlich gebrechlich sein, „aber man spürt immer noch seine Begeisterung für dieses Spiel. Und er weiß immer noch, was wo passiert.“

Mario Haas, der Osim-Begleiter

Mario Haas hat ein besonders inniges Verhältnis zu Osim. Bei Sturm war er Teil des magisches Dreiecks Vastic/Reinmayr/Haas, später stürmte er bei JEF United in der J-League wieder für ein Osim-Team. „In Japan haben ihn die Leute wie einen Heiligen verehrt, die sind in die Knie gegangen vor ihm.“ In Tokio war Haas oft Gast im Hause Osim am Rande des Disney Resorts. „Hier ist täglich Silvester, jeden Abend gibt’s ein Feuerwerk“, beliebte der Trainerguru zu scherzen. „Von seinem Training waren die Spieler auch in Japan sofort begeistert. Vor allem das 4-Farben-Spiel hat sie fasziniert. Das ist eine Variante, bei der vier Teams gleichzeitig auf dem Spielfeld sind, von denen jeweils zwei zusammengehören. Du darfst aber nie zu einem Mitspieler mit der gleichen Farbe passen. Das komplette Durcheinander, aber trotzdem eine Art geordnetes Chaos“, schmunzelt Haas, der selbst derzeit drei Trainerjobs unter einen Hut bringt: Individualcoach in den steirischen LAZ, Cheftrainer beim Oberligaklub Pachern und (zusammen mit Martin Amerhauser) Damen-Coach beim steirischen Verband: „Am Anfang war’s stressig, aber es geht sich alles aus.“ Was ihn an Osim noch fasziniert hat? „Wenn er gesehen hat, dass das Training nicht so gelaufen ist, wie er sich das vorgestellt hatte, hat er sein Programm nicht um jeden Preis durchgezogen, sondern abgebrochen und uns in die Kabine zurückgeschickt: ‚Ihr seid nicht frisch heute!'“

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