Vor der Super Bowl: Das große Zittern

Am 5. Februar ist Super Bowl Day. Doch statt Vorfreude regiert bei den Liga-Bossen die Angst vor einem rassenpolitischen Eklat. Der könnte die kriselnde NFL ins Chaos stürzen.

//Text: Rolf Heßbrügge//Foto: Michael Zagaris/San Francisco 49ers/Getty Images //

ORCHARD PARK, NY - OCTOBER 15: Eli Harold #58, Colin Kaepernick #7 and Eric Reid #35 of the San Francisco 49ers kneel in protest on the sideline, during the anthem, prior to the game against the Buffalo Bills at New Era Field on October 16, 2016 in Orchard Park, New York. The Bills defeated the 49ers 45-16. (Photo by Michael Zagaris/San Francisco 49ers/Getty Images)

Jahrzehntelang galt sie als unzerstörbar. Die ­National Football League (NFL) mit ihren gepanzerten ­Superhelden war die Sportinstitution in den USA. Weit über hundert Millionen (vorrangig weiße) Fans feierten ein paar hundert (vorrangig schwarze) Stars – und erzeugten so ein trügerisches Gefühl des nationalen Zusammenhalts. Doch vor der 51. Superbowl, dem großen Meisterschaftsfinale am 5. Februar in Houston, ist dieses Gefühl verschwunden. Zahllose politisch motivierte Eklats haben die NFL zum Sinnbild der Entzweiung Amerikas gemacht. Die Liga blickt in eine ungewisse Zukunft und fürchtet nichts mehr als neue Skandalschlagzeilen ausgerechnet am Tag des Endspiels.

Begonnen hat alles weit außerhalb der NFL-Glamourwelt. Eine Reihe brutaler, teils tödlicher Übergriffe weißer Polizisten gegen schwarze Bürger vergiftete das Klima 2016 in den USA schwer. Es folgten Bürgerrechtsproteste, denen sich auch zahlreiche Football-Profis anschlossen – allen voran Colin Kaepernick, (Ersatz-)Quarterback der San Francisco 49ers. Die Lage eskalierte und die mehrheitlich weißen Football-Fans wandten sich massenhaft von ihrer Liga ab: Während der Saison brachen die TV-Quoten um bis zu 30 Prozent ein, eine glatte Katastrophe für das Unternehmen NFL. „Rassismus“ heißt das böse Schlagwort, das auch die Superbowl überschatten dürfte. Einerseits könnte ein spektakuläres Endspiel der Wendepunkt auf dem Weg zurück zu alter Popularität der NFL sein, andererseits könnte schon der kleinste Zwischenfall im Umfeld der Superbowl die Liga nachhaltig beschädigen.

Das US-Portal Sportingnews.com prophezeite schon im Oktober: „Politik und Proteste zerstören die NFL – wir werden eine miese Superbowl haben.“ Denn die Situation ist so verfahren, dass es kaum noch möglich ist, Politik und Football zu trennen, im Gegenteil, der grassierende Rassismus im Land ist bis in die Privatsphäre der Stars vorgedrungen. Im Dezember brachen Unbekannte in die Villa des dunkelhäutigen New-York-Giants-Fullbacks Nikita Whitlock ein. Die Täter stahlen nicht nur zahlreiche Wertgegenstände, sondern beschmierten auch die Wände mit rassistischen Graffitis, darunter ein Hakenkreuz, das Ku-Klux-Klan-Kürzel „KKK“ und: „Trump“. Der neue US-Präsident Donald Trump gilt vielen als Synonym für die verschärften Spannungen im Land. Während des langen und rauen Wahlkampfes hatte der umstrittene Selfmade-Milliardär immer wieder Vorur­teile gegen Farbige, Latinos und Moslems geschürt. Zwar ruderte Trump nach der Wahl in vielen Punkten verbal zurück, doch die Geister, die er gerufen hat, wird Amerika nicht mehr los.

Trump war es auch, der Colin Kaepernick im Herbst aufforderte, sich „ein anderes Land zu suchen“, denn der 49ers-Profi hatte im Sommer, bei einem Preseason-Spiel, einen Tabubruch begangen: Angesichts der ausufernden Polizeigewalt weigerte sich der Sohn eines schwarzen Vaters und einer weißen Mutter, während der Nationalhymne vor den NFL-Spielen aufrecht zu stehen. Stattdessen kniete er sich demonstrativ hin und senkte seinen Blick zu Boden. Kaepernick setzte seinen zivilen Ungehorsam fort und erklärte: „Ich werde nicht aufstehen und stolz für eine Fahne demonstrieren, die für ein Land steht, das Schwarze und andere Farbige unterdrückt.“ Von Sympathisanten wurde der 29-Jährige prompt mit dem boxenden Bürgerrechtler Muhammad Ali (†) verglichen. Auch der dunkelhäutige Ex-NFL-Star James Butler (34), 2008 Superbowl-Sieger im Trikot der Giants, erklärt seine Solidarität mit Kaepernick: „Colin glaubt an das, was er zum Ausdruck gebracht hat. Und er hält die Form seines Protests für richtig“, sagt Butler im Gespräch mit dem Sportmagazin. „Historisch betrachtet haben oft jene Proteste die größte Wirkung erzielt, die die schärfsten Kontroversen auslösten.“

,,Historisch betrachtet haben oft jene Proteste die größte Wirkung erzielt, die die schärfsten Kontroversen auslösten.”

Viele weiße Fans aber zeigen null Verständnis für Kaepernick. In einer Online-Petition forderten Zigtausende die NFL auf, den Mann mit dem XXL-Afro zu bestrafen. Vermutlich sind nicht einmal alle von ihnen Rassisten. In den USA gelten Hymne und Flagge schlicht als heilig. Kaepernicks Kniefall war folglich ein Sakrileg – und der Beginn einer Revolution, die sich tief in die Saison hineinzog: Dutzende weitere Spieler wie Kaepernicks Teamkollege Eric Reid, Jeremy Lane (Seattle Seahawks), Brandon Marshall (Denver Broncos) oder Marcus Peters (Kansas City Chiefs) schlossen sich den Protesten an. NFL-Boss Roger Goodell hingegen verurteilte die politischen Statements der Spieler, vor allem die Art und Weise: „Wir glauben sehr stark an Patriotismus in der NFL“, mahnte Goodell. Generell unterstütze er zwar Spieler, die für Veränderungen in der Gesellschaft kämpfen, aber: „Ich glaube, dass es wichtig ist, Respekt zu haben vor unserem Land, unserer Fahne und den Leuten, die unser Land besser machen: vor den Ordnungskräften.“ Goodells Appell verhallte ungehört. Der Spalt, der sich lange Zeit eher unsichtbar durch die NFL gezogen hatte, war längst zu einer Schlucht geworden. Zwar war Rassismus schon immer ein Thema im Football, aber eines, über das man hinter vorgehaltener Hand sprach. Die Diskussion beschränkte sich meist auf die Frage: Warum ist die große Mehrzahl der Spieler schwarz, die überwältigende Mehrheit der Trainer und Funktionäre hingegen weiß? Inzwischen steht die NFL für eine viel bedeutendere Frage: Ist Amerikas innerer Zusammenhalt noch zu retten?

NFL-Boss Goodell, dem Kritiker ein katastrophales Krisenmanagement bescheinigen, sorgt sich vor allem um seine Liga: Das Fundament der NFL-Kundschaft besteht aus Weißen, die im konservativen Landesinneren der USA zu Hause sind. Die Schnittmenge zwischen Football-Fans und Trump-Wählern ist somit gewaltig. Das bekam die Liga schon während der Halbzeitpause bei der letztjährigen Superbowl zu spüren. In Santa Clara traten die dunkelhäutige R & B-Diva Beyoncé Knowles und ihre Tänzerinnen in schwarzen Lederoutfits auf, die stark an die Kluft der „Black Panthers“, einer militanten schwarzen Bürgerrechtsbewegung aus den 1960er- und 1970er-Jahren, erinnerten. Noch während des Auftritts fegte ein Shitstorm der Empörung über die NFL hinweg. In diesem Jahr könnte die Superbowl noch stärker aus dem Ruder laufen. Intern rechnen die NFL-Bosse ohnehin mit herben Einbrüchen bei den TV-Quoten in den USA. Beim Finale geht es der Liga vor allem um Schadensbegrenzung. Immerhin: Die Proteste der Profis sind seit Ende November weitgehend Vergangenheit, auch weil die Welle von Polizeigewalt abgeebbt ist. „Rebell“ Kaepernick ist, wie die meisten Protest-Profis, raus aus dem Titelrennen. Zudem büßte er an Glaubwürdigkeit ein, weil er öffentlich zugab, bei der Präsidentenwahl nicht abgestimmt zu haben.

Dennoch zittert die NFL: Nicht auszudenken, wenn es beim Finale zu einem neuen politisch motivierten Eklat käme! Neben den Sponsoren und der Mehrheit der TV-Zuschauer würde wohl auch das Publikum im Stadion erbost reagieren, schließlich liegt der Superbowl-Austragungsort Houston im weiß und besonders konservativ geprägten Bundesstaat Texas. „Es ist schwierig vorherzusagen, ob irgendein Spieler im Rahmen der Superbowl ein politisches Statement abgeben wird“, sagt der 2008er-Champion James Butler. „Aber falls jemand eines abgeben will, wäre das der perfekte Moment, denn die Superbowl findet wahnsinnig viel Beachtung, auf der ganzen Welt.“

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